Höher, schneller, weiter – wohin? Eine gesellschaftliche Spurensuche, Teil 2

        Ein Beitrag von Michael Möller

Seit Jahrtausenden stellen sich viele Menschen die Frage nach dem „Warum?“ und „Wohin?“ Auf der Basis großer antiker Philosophen haben sich ganze Schulen gegründet, die uns über die Jahrhunderte hinweg Möglichkeiten gegeben haben, Antworten darauf zu suchen. Über Jahrhunderte hinweg hat sich der Mensch verhältnismäßig langsam entwickelt. Aus heutiger Sicht schien er bis vor kurzem relativ begrenzt, was seine Möglichkeiten angeht. Sein Lebensradius war zumeist auf die nächste oder auch übernächste Ortschaft beschränkt. Technische Entwicklungen haben lange angehalten und waren oft wenigen Nutzern vorbehalten.

In den letzten zweihundert Jahren hat sich derart viel verändert, dass wir kaum mithalten können. In allen Lebensbereichen hat der Mensch Entwicklungen geschaffen, die vorher nicht für möglich gehalten wurden. Er hat durch technischen, medizinischen und sozialen Fortschritt wiederrum neue Dinge erschaffen, die sich unsere Vorfahren zwei oder drei Generationen zurück nicht vorstellen konnten. Heute stehen wir in unserer „westlich“ geprägten Gesellschaft einerseits vor einem Individualismus und Pluralismus, andererseits vor der Erkenntnis, dass es doch so nicht weitergehen kann. Dieses Wachstum, welches wir ab den 1950ern bis zur Jahrtausendwende erlebt haben, erfahren nun andere, vormalige Schwellenstaaten und „überholen“ uns in vielen Bereichen. Allen voran China, welches sich nach der Ost-West-Teilung drastisch verändert hat und dessen Bürger in einem engen Kreis von Tradition und Moderne stehen. Dieses Land ist so beispielhaft und lässt sich gar als Forschungsexperiment ansehen, was Fragen nach gesellschaftlicher und sozialer (Bevölkerungswachstum und Entwicklungsanschluss), politischer und wirtschaftlicher (Abschottung und Reglementierung vs. Öffnung und Wachstum) technischer und medizinischer Veränderung angeht. Während wir um einen Bevölkerungsrückgang ringen und die Geburtenrate nicht heben können, wird der Rest der Welt innerhalb der nächsten Jahrzehnte mit gravierendem Bevölkerungswachstum zurecht kommen müssen.

Wohin soll der Weg gehen?

Gemessen an den Bedürfnissen der Flüchtlinge sorgen wir uns um wahrlichen Luxus. Unsere Chancen steigen ins unermessliche. Hier und da liegt Hoffnung auf den heutigen Berufseinsteigern, denen zwar einerseits ein selbstbezogeneres Wesen zugeschrieben wird, andererseits gestalten sie neue Wege in Sachen Engagement und nachhaltiger Lebensweise. Es ist die erste Generation in Europa, die ohne direkte Kriegserlebnisse aufwächst oder einen Mangelzustand bewältigen müsste. Die Prägung ihrer Eltern und Großeltern legen sie langsam ab und sie schreiben sich die Suche nach Selbstverwirklichung, Individualismus und den Sonnenseiten der Welt und des Lebens zu. Soziologen beschäftigt die Frage, welche Bedürfnisse den deren Kinder haben werden?

In unserer aufgeklärten Welt (Wie aufgeklärt ist sie wirklich?) kümmern uns neue Konzepte um richtige Bildung und Erziehung, Wohlstand und Wachstum, Arbeit und Arbeitsformen, medizinischer und psychologischer Zuschreibungen. Ja, all diese Dinge bedingen sich einander. Doch scheinen sie teilweise in Extreme auszuufern, dass mahnende Worte nach Spaltung, dem Auseinanderdriften der Gesellschaft, zweier oder mehrerer sozialer Klassen aufhorchen lassen.

Wir drehen uns um uns selbst und verlieren den Kontakt zu uns, weil uns gemessen an anderen Dingen, die in dieser Welt stattfinden, verhältnismäßige Kleinigkeiten im Alltag Stress bereiten. Auch diese Dinge hängen zusammen, tragen wir doch Mitverantwortung für die Tatsachen, welche Landsleute vor uns geschaffen (subjektive Sicht möglich: verschuldet) haben.

Dieser bei uns sich entwickelnde Pluralismus betrifft nicht nur unsere eigenen Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Er betrifft auch ein immer stärker zusammenwachsen unserer Kulturen. War besonders im alten Westdeutschland und Westeuropa der Einfluss der US-Amerikaner sehr groß, so sehen wir uns aktuell und zukünftig immer weiteren Einflüssen gegenüber. Was uns über Jahrhunderte geprägt hat, scheint weniger Wert zu werden oder zu sein (angemahnter Werteverfall), unsere „kulturelle Identität“ ist in Gefahr, zugleich wird unser Zusammenleben geprägt von neuen Religionen und Gesellschaftsmodellen. Wir sind in Auseinandersetzung darüber, wie diese neuen Erfahrungen „integriert“ werden können. Parallel haften wir noch an der eigenen Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit.

Um eine philosophische Betrachtung zu setzen: Für Kant hat das Glück, das Streben nach Glück in der eigenen Moralität keinen Platz. Für seinen älteren Vorgänger Aristoteles war eine gelungene Lebensführung das Ziel, welche zu Glück führen kann.

Nach welchen Gesetzen wollen wir also leben? Diese Gesetze setzen wir uns selbst. Es ist möglich, Alt und Neu, Tradition und Moderne zu vereinbaren.

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