Höher, schneller, weiter – immer weiter auseinander. Eine gesellschaftliche Spurensuche, Teil 1

     Ein Beitrag von Michael Möller

In diesem Sommer dürfen wir in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten – vorweg: stellvertretend für die westliche Welt – wieder deutlich erfahren, welch gravierende Unterschiede an Lebensstandards und Lebensstilen auf unserer Welt aufeinandertreffen. Das sind Schicksale, die viele Menschen in Deutschland und anderen Ländern tief berühren, vielen aber auch Angst machen. Dabei können diese Zahlen auch erst einmal Grund für Erstaunen und Sorge sein: 800.000 Flüchtlinge werden dieses Jahr in Deutschland erwartet. In meinem Bundesland Hessen 55.000, was fast der Einwohnerzahl meiner Heimatstadt entspricht. Natürlich sind Sorgen bei diesen Ausmaßen legitim. Alleine die Vorstellung, dass für so viele Menschen einfach gerechnet eine komplett neue Stadt errichtet werden müsste, lässt die Größenordnung der Herausforderung erahnen, in der wir uns schon längst befinden.

Gemessen am existenziellen Lebensstandard geht es uns gut, auch wenn in unserem Land starke Gefälle zu sehen sind. Die Flüchtlinge sehnen sich nach menschlichen Grundbedürfnissen, nach Heimat, Nahrung, Arbeit und Frieden. Es ist schwierig, als Außenstehender individuelle Probleme zu bewerten. Jeder unter uns hat kleine oder größere Probleme, die uns Außenstehende nicht absprechen sollten. Jedes Problem wiegt so groß und ist so schwer, wie es subjektiv bewertet wird. Viele Einwohner in unserem Land sind im wahrsten Sinne selbst „am Boden“, weil sie Sommer wie Winter kein Obdach haben und möglicherweise ab und an die Chance erhalten, in einer Einrichtung für Obdachlose übernachten zu dürfen und eine warme Speise zu erhalten.

Diese Leben gibt es täglich tausendfach. Doch haben wir uns daran gewöhnt, weil sie seit Jahrzehnten – ja, seit Generationen – zu unserem Alltagsbild gehören. Nicht, dass nichts dagegen getan werden würde – die deutsche Sozialversorgung gehört sicherlich zu einer der qualitativ hochwertigsten. Jetzt aber, wo Flüchtlinge tausendfach nach Deutschland und Europa kommen, wird uns bewusst, dass es „da noch mehr gibt“.

Viele Menschen in Deutschland nehmen die Flüchtlinge gerne auf und engagieren sich, so gut sie das können. Sie sind dankbar. Dankbar für dass, was sie haben. Sie geben gerne einen Teil ab, so bescheiden dieser auch sein mag.

Viele Menschen in Deutschland skandieren gegen die Flüchtlinge, die Politik und “Gutmenschen”, “Verräter” oder welche Titel auch noch vergeben wurden. Sie haben Angst. Dahinter mag oft eine bestimmte Gesinnung stehen. Doch auch andere Bürger haben Angst, da sie mit etwas Unbekanntem konfrontiert sind.

Eine „gesellschaftliche Inflation“?

Was sich da im Großen und doch auch im Kleinen, gemessen an indivduellen Lebensweisen und -einstellungen, zeigt, ist selbst in unserer Kultur und unserer Art und Weise, Lebensverläufe zu gestalten, längst spürbar. Wenn auch auf anderem Niveau: Unsere Ressourcen und Potenziale wachsen expotentiell. Dabei spiegelt sich darin die aktuelle Thematik der Flüchtlinge wieder: Auch bei uns wird der Abstand zwischen der Anzahl der wohlhabenden Bevölkerung und derer, die bei uns als arm oder bedroht gelten, immer größer. Während die einen die Chancen des Wachstums nutzen können, da sie Zugang zu ihnen haben, wird es für andere immer schwieriger, diesen Anschluss zu finden und das dünner gewordenen Seil nicht gänzlich zu verlieren. Es ist eine Art Inflation in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu spüren: die Debatten um prekäre Arbeitsverhältnisse, die Entwertung von Bildungsabschlüssen, von Kultur und allgemein gültiger Werte sind Beispiele dafür.

Während für eine Seite ein „höher, schneller, weiter“ nur Vorteile bringen mag, so heißt dies für die andere Seite, dass es nur weiter auseinander gehen kann. In einem gesellschaftlichen Zusammenleben und einem Wirtschafts- und Staatensystem, welches auf Wachstum beruht, muss es auch Grenzen und Leitplanken geben. Diese Leitplanken gibt es. Doch reichen sie nicht mehr aus, um der Entwicklung der letzten Jahre gerecht werden zu können. Die Weiterentwicklung erfolgt schneller, als das das System mitgehen könnte. Es ist ein einfaches reagieren und kaum noch ein mögliches agieren.

Ansätze, Stimmen, Initiativen und Modelle gibt es genug, um diesen Veränderungen zu begegnen. Diese Komplexität will gemanagt werden. Doch wie? Kleine Lösungen in großem Rahmen sind notwendig, wollen wir nicht, dass nach dem Schmetterlingseffekt ein Ereignis am anderen Ende der Welt derartige Auswirkungen auf so viele Leben an anderer Stelle hat.

Die „Globalisierung“, die weitere Vernetzung unserer Welt wird auch immer weiter voran schreiten. Ein Vorteil! Sind wir doch eine Welt. So simpel und klar diese Tatsache doch ist, so schwer ist die Umsetzung. Systeme, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, treffen aufeinander und sehen sich vor großen Herausforderungen. Der Mensch scheint nicht flexibel genug, um auf der Höhe dieser Veränderungen mitzugehen. Es bedarf eines Diskurses, der diese Entwicklungen schneller aufnehmen und verarbeiten kann. Es bedarf einer Grundhaltung, welche die Entwicklungen schneller aufnehmen kann und Basis für Diskussionen ist. Im Kleinen wie im Großen.

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