Hochsensibilität (Teil 2) – hochsensible Kinder

    Beitrag von Julia Russau

Hochsensibilität (Teil 2) – hochsensible Kinder

Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Reihe über Hochsensibilität. In diesem Beitrag zeigt Julia Russau, wie Eltern erkennen können, ob ihr Kind hochsensibel ist und was es bedeutet, mit einem hochsensiblen Kind zusammenzuleben.

In Teil 1 beschäftigt sie sich mit allgemeinen Aspekten von Hochsensibilität und den Besonderheiten von erwachsenen Hochsensiblen im Berufsleben. In Teil 3 gibt Frau Russau Tipps, die hochsensiblen Menschen (und ihren Angehörigen) nützlich sein können.

Ist mein Kind hochsensibel?

Hochsensible Kinder fallen meist schon im Kleinkindalter auf, z.B. weil sie im Gegensatz zu ihren Altersgenossen deutlich empfindsamer/vorsichtiger, mitunter auch ängstlicher/in-sich-gekehrter, aber auch phantasievoller/begeisterter wirken. Einige hochsensible Kinder benehmen sich wie die »Prinzessin auf der Erbse«. Gerade jüngere Kinder und Teenager neigen dazu »zwei Gesichter« zu haben – in einem Moment wirken sie ruhig und gelassen, im nächsten Moment schreien, toben und heulen sie vor Zorn und Wut.

Wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind hochsensibel ist, hat das meistens zwei Ursachen: entweder die Eltern (oder ein Elternteil) sind selber hochsensibel und denken, dass ihr Kind dieselbe Besonderheit aufweist. Oder – was häufiger vorkommt– das Kind weist Verhaltensweisen auf, bei denen sich Eltern, Erzieher oder Angehörige fragen, was mit dem Kind los ist und was ihm fehlen könnte. Obwohl hochsensible Kinder durch eine Vielzahl an positiven Eigenschaften auffallen können, sind es überwiegend die problematischen oder ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die Eltern zum ersten Mal aufhorchen lassen.

Hochsensibilität lässt sich so erklären: Hochsensible Kinder weisen ein empfindlicheres Nervensystem auf als nicht-hochsensible Kinder. Die Filtersysteme, die einen Menschen normalerweise vor Reizüberflutung schützen, sind bei Hochsensiblen weniger gut ausgeprägt, sodass mehr Informationen ins Bewusstsein gelangen und bearbeitet werden. Gleichzeitig sind hochsensible Kinder in emotionaler und sensorischer Hinsicht stärker erregbar, wodurch sie ein reichhaltigeres, tiefergehendes und bisweilen extremeres Gefühlserleben haben. Hochsensible Kinder sind auf sozialem und emotionalem Gebiet überdurchschnittlich begabt. Interessant ist: Das Nervensystem hochsensibler Menschen stimmt in einigen Punkten mit dem Nervensystem von Menschen mit ADHS oder Autismus überein, auch wenn sich das Verhalten und die Fähigkeiten der betroffenen Kinder sehr voneinander unterscheiden.

Während Menschen mit Autismus z.B. Schwierigkeiten haben, das Verhalten des Gegenübers zu deuten, fällt es Hochsensiblen leicht, andere Menschen einzuschätzen – auch wenn beide mitunter zurückhaltend und introvertiert wirken. Während ADHS-ler Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, können Hochsensible gut in einen Flow geraten und allein für sich sein – auch wenn beide mitunter nicht still sitzen können und leicht überdrehen.

Anhaltspunkte, ob ein Kind hochsensibel ist, oder ob eine andere Ursache hinter dem Verhalten des Kindes steckt, lassen sich am besten ausmachen, wenn man das Kind in seiner alltäglichen Lebenspraxis beobachtet.

Hochsensible Kinder können schon als Babys durch ihr Verhalten auffallen:

  • sie brauchen viel Körperkontakt; wollen getragen werden; können lange nicht alleine schlafen

  • sie schreien viel und ausdauernd; können nicht einfach mal so »weggelegt werden«

  • sie fangen früh an zu interagieren und scheinen die Welt permanent zu beobachten

  • sie können schon früh die Gefühlslagen von Erwachsenen unterscheiden; reagieren entsprechend vielschichtig

  • sie wirken unzufrieden oder bedrückt; gleichzeitig lachen sie viel und herzlich

  • sie fühlen sich am wohlsten in vertrauter Umgebung; sind nicht gerne bei Fremden auf dem Arm

  • sie haben eine frühe und lang anhaltende Fremdelphase

Merkmale von Hochsensibilität bei Kindern sind z.B.:

  • sie reagieren mit lautstarkem Protest auf alltägliche Dinge wie z.B. Haarekämmen, Nägelschneiden oder Duschen, da ihnen diese Dinge Schmerzen bereiten

  • sie sind mäkelig beim Essen; scheuen sich, etwas Neues zu kosten

  • sie bewegen sich vorsichtig, evtl. schleichend oder auf Zehenspitzen

  • sie sprechen früh von »Ich« und »Du«

  • sie sind keine Gruppenmenschen; knüpfen aber tiefe Freundschaften zu einem oder zwei anderen Kindern

  • sie brauchen viel Zeit um in neuen Umgebungen »warm« zu werden oder sich an fremde Menschen zu gewöhnen

  • es geht ihnen nahe, wenn andere Kinder ausgeschimpft werden oder sich weh tun

  • sie beobachten, wie Gleichaltrige ein Spielgerät benutzen, bevor sie es selber austesten

  • sie scheuen körperliche Auseinandersetzungen; sie raufen und kämpfen nicht gerne

  • sie haben Angst vor Höhe oder Geschwindigkeit

  • sie wollen schon früh alles alleine machen; sind extrem frustriert, wenn es nicht klappt

  • sie versuchen alles perfekt zu machen; sie akzeptieren bei sich selbst keine Fehler

  • sie interessieren sich für »die Welt«, sind hellhörig für gesellschaftliche, philosophische oder spirituelle Fragestellungen

  • sie versuchen, alles harmonisch zu gestalten; achten darauf, dass es gerecht zugeht und legen Wert darauf, dass Versprechen und Regeln eingehalten werden

  • sie mögen keine Unordnung, auch wenn sie selber Chaos produzieren

  • sie haben eine ausgeprägte Sammelleidenschaft; können nichts wegwerfen

  • sie planen Tage oder Wochen im Voraus und wollen auf »Nummer sicher gehen«; sie mögen keine Überraschungen

  • sie haben extreme Gefühlsausbrüche und Trotzphasen; vermeintliche Kleinigkeiten fühlen sich an wie große Katastrophen

  • sie haben intensive Träume, auch Alpträume; sie sprechen, schwitzen oder wälzen sich im Schlaf

  • sie sind zappelig, unkonzentriert und lassen sich leicht ablenken (z.B. beim Anziehen, Essen); finden sie etwas interessant, tauchen sie ein und geraten leicht in einen Flow

  • sie haben ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis; erinnern sich an Jahre zurückliegende Ereignisse und Details in Gesprächen;

  • sie reden oder singen ohne Pause; müssen sich permanent mitteilen

  • sie haben eine blühende Phantasie; sind äußerst sprachgewandt

  • sie erschrecken leicht; können laute Geräusche, Licht und Stimmengewirr nicht ertragen

  • sie klagen schon als Kind über regelmäßige Kopf- oder Ohrenschmerzen

  • sie haben unruhige, kribbelige Beine und Hände; müssen immer alles anfassen

  • sie fühlen sich unwohl in reizüberfluteten Umgebungen (z.B. beim Einkaufen, im Vergnügungspark, auf Festen); wirken dort abwesend und verloren

Natürlich müssen hochsensible Kinder nicht jedes der o. g. Verhaltensmerkmale aufweisen. Nicht alle hochsensiblen Kinder sind z.B. scheu, wenn sie auf andere Menschen treffen. Genauso können auch hochsensible Kinder viele Freunde haben und in der Kindergruppe beliebte Spielpartner sein.

Berücksichtigt werden sollte: Die Art und Weise wie die Kinder mit ihrer Hochsensibilität umgehen und wie sich ihre Sensibilität auf ihr Verhalten auswirkt, kann durch äußere Faktoren (z.B. die heimische Umgebung, das Verhältnis zu den Eltern, die Erziehungsmethoden oder besondere kindliche Erfahrungen) immens beeinflusst werden. Dies gilt im negativen, wie im positiven Sinne.

Auch wenn ein Kind viele Merkmale von Hochsensibilität aufweist, sollten andere Erklärungsansätze immer mit berücksichtig werden. Klagt ein Kind z.B. über Kopf- oder Ohrenschmerzen, sollte eine körperliche Erkrankung (z.B. Entzündung) medizinisch abgeklärt werden. Hat ein Kind häufig Alpträume oder schläft es unruhig, sollte überlegt werde, ob es vielleicht Erfahrungen gemacht hat, vor denen es sich fürchtet. Traut sich ein Kind nicht, auf andere zuzugehen, kann es sein, dass das Kind einfach ein wenig ängstlicher ist, als andere Kinder. Hat ein Kind heftige Wutausbrüche, ist frech oder reagiert mit Trotz, möchte es vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen. Damit sich ein Kind optimal entwickeln kann, ist in jedem Fall eine genaue Beobachtung und Diagnose das A und O.

Hochsensible Kinder – ein Wechsel zwischen Extremen

Eben noch war die Welt in Ordnung, im nächsten Moment liegt sie in Scherben. Da hochsensible Kinder mehr Reize aus ihrer Umwelt wahrnehmen und diese gleichzeitig stärker emotional verarbeiten, reichen manchmal schon (vermeintlich) kleine Auslöser, um ihre Welt ins Wanken zu bringen. Dasselbe gilt auch im positiven Fall: Hochsensible Kinder können extrem ausgelassen, humorvoll und nicht zu bremsen sein, sobald sie etwas entdecken, das ihnen Spaß macht oder das ihre Neugierde weckt. Egal, ob ein Kind gerade bitterlich weint oder mit seiner Phantasie die Welt erobern will – für Eltern ist es nicht immer leicht, den verschiedenen Bedürfnissen ihrer Kinder nachzukommen und in »Extremsituationen« angemessen zu reagieren. Auch wenn hochsensible Kinder einerseits vernünftig und gewissenhaft wirken, können sie andererseits äußerst fordernd und »schwer zu bändigen« sein.

Trotz dieser Gefühlsvielfalt merken Außenstehende oftmals nichts von der Hochsensibilität der Kinder. Hochsensible Kinder lernen schon früh, in fremden Umgebungen ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Außerhalb der vertrauten familiären Umgebung neigen sie dazu, überangepasst und extrem introvertiert zu wirken, auch wenn sie eigentlich das Gegenteil davon sind.

Ruhe bewahren und einfühlsam sein

Das erste und beste Mittel, um auf das Verhalten hochsensibler Kinder zu reagieren, ist: selber einfühlsam sein. Hochsensible Kinder merken schnell »wie der Hase läuft«, ob ihre Gefühle und Beobachtungen ernst genommen werden, ob jemand ehrlich zu ihnen ist oder welche Erwartungen an sie gestellt werden. Umgekehrt nehmen sie sich ihre Eindrücke auch außerordentlich zu Herzen und sind gut darin, ihre ganz eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Auch wenn es nicht immer leicht ist: Eltern von hochsensiblen Kindern müssen ganz besonders darauf achten, die Bedürfnisse und Empfindungen ihres Kindes zu berücksichtigen und lernen, angemessen auf diese zu reagieren.

Diese fünf Tipps helfen dabei:

Einfühlsam sein durch gedankliche »Übertreibung«: Schreit ihr Kind beim Haarekämmen, weil es das Gefühl hat, sie rupfen ihm die Haare aus? Versuchen sie, sich die Situation in Gedanken übertrieben auszumalen. Wie würde es sich anfühlen, wenn einem tatsächlich die Haare ausgerissen werden? Vielleicht wirkt eine neue, weichere Bürste Wunder.

Ruhe bewahren und achtsam sein: Verhält sich ihr Kind extrem zurückhaltend, tobt es vor Trauer oder kann es seine Begeisterung nicht zügeln? Versuchen sie nicht, ihr Kind vom Gegenteil zu überzeugen (sehr wahrscheinlich werden sie scheitern). Verurteilen oder drängen sie das Kind nicht, sondern bewahren sie Ruhe und – wichtig – lassen sie das Kind nicht alleine.

Braucht es noch etwas Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen? Warten sie ab und geben sie ihrem Kind diese Zeit. Braucht es Platz, um eine Spielidee zu verwirklichen? Versuchen sie, Angebote in den Alltag einzubinden, durch die sich ihr Kind austoben kann (z.B. viel Bewegung, abwechslungsreiche Spaziergänge, verschiedene Bau- und Bastelmaterialen). Hat ihr Kind einen rasenden Wutanfall? Versuchen sie ruhig zu bleiben und schimpfen sie nicht auf das Kind ein. Wichtig: Sprechen sie in einem ruhigen Tonfall und bleiben sie in der Nähe, um sicher zu gehen, dass ihr Kind keine Grenze überschreitet (z.B. andere hauen, sich selbst verletzen). Ist ihr Kind hoch emotionalisiert und versuchen sie es zu trösten, wird es ihre Zuwendung wahrscheinlich ablehnen, da es diese Nähe im Moment nicht erträgt. Ist die erste Woge vorüber, wird es ihre Nähe und ihren Trost umso mehr brauchen. Zeigen und sagen sie ihrem Kind, dass sie es lieb haben, selbst wenn es von seinem Gefühlschaos überrollt wird.

Auf keinen Fall in Watte packen: Auch wenn ihr Kind sensibel ist, versuchen sie auf keinen Fall, es vor allem und jedem zu schützen. Geben sie ihrem Kind die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und eigene Wege zu finden, auch wenn nicht immer alles perfekt läuft. Nur, wenn sich ihr Kind selber austesten darf, wird es lernen, sich in der Welt zurecht zu finden, seine Fähigkeiten und Grenzen auszuloten, und eine selbstsichere Persönlichkeit zu entwickeln. Achten sie darauf, dass ihr Kind nicht unter seiner Sensibilität leiden muss – ohne es daran zu hindern, sich zu entfalten und wie ein normales Kind zu leben. Helfen sie ihm, indem sie Lärmquellen abstellen, für eine gesunde Ernährung und ausreichend frische Luft sorgen. Aber denken sie daran: Auch hochsensible Kinder dürfen hinfallen und sich das Knie aufschlagen.

Auf keinen Fall abhärten wollen: Versuchen sie nicht, ihr Kind zu stärken, indem sie es absichtlich Situationen aussetzen, die ihm unbehaglich sind (sie werden das Gegenteil erreichen). Fürchtet sich ihr Kind vor dem großen Schwimmbecken? Spritzen sie es auf keinen Fall nass und vergleichen sie es auch nicht mit anderen Kindern, die weniger ängstlich sind. Versuchen sie herauszufinden, was dem Kind unbehaglich ist und wie sie ihm helfen können, die Situation zu meistern. Gerade hochsensible Kinder neigen dazu, eine unbekannte Situation erst aus sicherem Abstand zu betrachten, bevor sie sich (Schritt für Schritt) entschließen, selber aktiv zu werden.

Im letzten Teil der Reihe gibt J. Russau Tipps, die hochsensiblen Kindern und Erwachsenen (sowie ihren Angehörigen) in Alltag und Berufsleben nützlich sein können.

 

 

Netzwerk Soziale Arbeit und Hochsensibilität

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Julia, liebe Elke,

    es paßt gerade gut zum obigen Beitragsthema, daß im März 2017 im Verlag Urachhaus ein feines Kinderbuch über einen hochsensiblen Jungen erschienen ist: „Enno Anders Löwenzahn im Asphalt“ von Astrid Frank.

    Diese Innenansichten eines hochsensiblen Jungen bieten einen aufschlußreichen Einblick in Lebenserfahrung, Daseinsbedingungen und die besonderen zwischenmenschlichen Herausforderungen eines hochsensiblen Kindes. Die Mißverständnisse und pädagogischen Fehldeutungen, mit denen hochsensible Kinder häufig konfrontiert sind, werden deutlich thematisiert und konstruktiv korrigiert.
    Ganz besonders gelungen ist die Darstellung der hohen Empathie des hochsensiblen Kindes sowie seine Schwierigkeit, die eigenen Gefühle und die des Gegenübers auseinanderzuhalten.
    Normalsensiblen Kindern, Eltern und Betreuern kann diese Lektüre eine Ahnung von der Wahrnehmungsintensität, Denkkomplexität und Empathiebegabung hochsensibler Menschen vermitteln.
    Dieses Kinderbuch bietet für hochsensible Kinder breite Identifikationsmöglichkeiten und es stärkt auf einfühlsame, humorvolle und kindgerechte Weise Selbstverständnis und Selbstwertschätzung für das individuelle Anderssein sowie Vertrauen in das intuitive, hochsensible Wahrnehmungsspektrum und die damit verbundene feinsinnig-empfindsame zwischenmenschliche Kompetenz.
    Hier entlang zu meiner Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/20/enno-anders/

    Mit empfindsamer Empfehlung 😉
    Ulrike von Leselebenszeichen

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